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19.05.2026

Eigenverbrauch vs. Autarkiegrad: Die zwei wichtigsten PV-Kennzahlen erklärt

Worum es geht

Wer eine PV-Anlage plant, stolpert früher oder später über zwei Begriffe, die nach dem Gleichen klingen, aber nicht dasselbe meinen: Eigenverbrauchsquote und Autarkiegrad. Installateure werfen die Werte gerne in einen Topf — was ihnen den Verkauf vereinfacht, dem Kunden aber den Vergleich erschwert.

Der kurze Unterschied:

  • Eigenverbrauch: Wie viel meines Solarstroms nutze ich selbst?
  • Autarkiegrad: Wie viel meines Gesamtverbrauchs deckt der Solarstrom?

Die zwei Quotienten haben unterschiedliche Nenner. Daher liefern sie selbst bei gleichen kWh-Werten oft sehr verschiedene Prozentzahlen. Und sie verhalten sich gegenläufig: Vergrössern Sie die Anlage, steigt der Autarkiegrad, der Eigenverbrauch sinkt.

Eigenverbrauch im Detail

Formel: selbst verbrauchter Solarstrom ÷ gesamte Solarproduktion.

Beispiel: 8 kWp PV im Mittelland, 8'000 kWh Jahresertrag. Davon nutzt der Haushalt 2'400 kWh direkt (parallel zur Produktion), 5'600 kWh fliessen ins Netz.

→ Eigenverbrauch = 2'400 ÷ 8'000 = 30 %

Das ist der typische Wert für ein Schweizer Einfamilienhaus ohne weitere Optimierung. Wir haben in PV-Eigenverbrauch optimieren die wichtigsten Hebel beschrieben, mit denen sich dieser Wert auf 60 bis 80 % heben lässt.

Warum der Eigenverbrauch über die Wirtschaftlichkeit entscheidet

Eine selbst verbrauchte kWh ersetzt teuren Netzstrom — 27.7 Rp./kWh im Schweizer Median 2026, gemäss ElCom-Standardhaushalt H4. Eine eingespeiste kWh bringt nach dem neuen Stromgesetz 6 bis 9 Rp./kWh Rücklieferung. Die Differenz von rund 20 Rappen pro kWh ist der Hebel, an dem sich die Amortisation entscheidet. Wer in Einspeisevergütung Schweiz 2026 tiefer einsteigen will, findet dort die Mechanik der neuen Mindestvergütung im Detail.

Was den Eigenverbrauch verändert

  • Anlagengrösse: Je grösser, desto mehr Überschuss → tieferer Eigenverbrauch.
  • Verbrauchsprofil: Wer tagsüber zuhause ist (Homeoffice, Pensionierung), nutzt mehr direkt → höherer Eigenverbrauch.
  • Wärmepumpe und E-Auto: zusätzliche tagsüber gesteuerte Verbraucher → deutlich höherer Eigenverbrauch.
  • Batterie: verschiebt Mittagsüberschuss in den Abend → +25 bis +35 Prozentpunkte bei 10 kWh.

Autarkiegrad im Detail

Formel: selbst verbrauchter Solarstrom ÷ Gesamtstromverbrauch des Haushalts.

Gleicher Haushalt wie oben, aber jetzt aus Verbrauchsperspektive: Der Gesamtstromverbrauch beträgt 4'500 kWh pro Jahr. Davon liefert die Solaranlage 2'400 kWh direkt.

→ Autarkiegrad = 2'400 ÷ 4'500 = 53 %

Bedeutung: Etwa die Hälfte des Strombedarfs kommt vom eigenen Dach, die andere Hälfte aus dem Netz — vor allem im Winter, abends und nachts.

Warum 100 % Autarkie unrealistisch sind

In der Schweiz produziert eine PV-Anlage im Dezember rund ein Sechstel dessen, was sie im Juni schafft. Im Januar liegt der Tag bei acht Stunden, oft mit Hochnebel. Wer 100 % Autarkie anstrebt, müsste entweder eine absurd grosse Anlage installieren, einen mehrere hundert kWh grossen Speicher daneben stellen — oder im Winter monatelang ohne Heizung leben. Wirtschaftlich sinnvoll sind 60 bis 80 % Autarkie mit Anlage und Batterie; mehr ist Liebhaberei.

Der Tradeoff: Wenn beide Werte gegenläufig laufen

Hier wird's interessant. Anlagengrösse hat gegenteilige Effekte auf die beiden Kennzahlen. Beispielrechnung für einen Haushalt mit 4'500 kWh Verbrauch, ohne Batterie:

AnlageProduktionEigenverbrauchAutarkiegrad
4 kWp4'000 kWh45 %40 %
6 kWp6'000 kWh36 %48 %
8 kWp8'000 kWh30 %53 %
12 kWp12'000 kWh22 %59 %
16 kWp16'000 kWh18 %64 %

Die grössere Anlage produziert absolut mehr und deckt mehr des Verbrauchs ab — der Autarkiegrad steigt. Gleichzeitig fliesst absolut und relativ mehr Strom ins Netz — der Eigenverbrauch sinkt.

Welche Grösse die «richtige» ist, hängt davon ab, was Sie optimieren wollen:

  • Wirtschaftlichkeit: Eigenverbrauch über 30 bis 40 % halten. Tendenziell kleinere Anlage, ausser Sie können die Verbrauchsseite mitvergrössern (E-Auto, Wärmepumpe).
  • Unabhängigkeit oder Klimabeitrag: Autarkiegrad hochfahren. Tendenziell grössere Anlage plus Batterie.
  • Mit neuem Stromgesetz: Die Schere zwischen Bezug und Einspeisung ist 2026 grösser als je zuvor. Wer das Dach voll macht, sollte einen Plan haben, was er mit dem Sommerüberschuss anstellt — sonst ist das zusätzlich installierte kWp das vermutlich am schlechtesten verzinste Kapital im ganzen System.

Mit Batterie verändert sich das Bild

Eine Batterie verschiebt Mittagsüberschuss in die Abendstunden und hebt beide Werte. Beispiel für eine besser dimensionierte 6-kWp-Anlage am gleichen 4'500-kWh-Haushalt:

KonfigurationEigenverbrauchAutarkiegrad
6 kWp, keine Batterie36 %48 %
6 kWp, 5 kWh Batterie48 %64 %
6 kWp, 10 kWh Batterie58 %77 %
6 kWp, 15 kWh Batterie64 %85 %

Die ersten 5 kWh bringen am meisten zusätzliche Autarkie, die nächsten 5 kWh etwas weniger, die dritten 5 kWh deutlich weniger. Klassisch abnehmender Grenznutzen — und bei einer Investition von CHF 700 bis 1'200 pro kWh installierte Kapazität ist die Wirtschaftlichkeit jenseits von 10 kWh selten gegeben. Mehr dazu im Artikel Batteriespeicher: Lohnt sich das?

Welche Kennzahl ist wichtiger?

Kommt darauf an, wofür Sie die Zahl brauchen.

  • Für die Amortisationsrechnung: der Eigenverbrauch. Er bestimmt, wie viele kWh Sie zum vollen Netztarif vermeiden statt zum Mindestpreis einspeisen.
  • Für das Gefühl, weniger vom Netz abhängig zu sein: der Autarkiegrad.
  • Für den Vergleich von Offerten: aufpassen. Verkäufer betonen gerne den Autarkiegrad, weil er mit grösseren (und teureren) Anlagen steigt. Fragen Sie immer beide Werte ab und lassen Sie sich die Annahmen zeigen.

Häufige Fragen

Wie wird der Eigenverbrauch in der Schweiz typischerweise gemessen? Über den Wechselrichter (produzierte Energie) und den Stromzähler (ins Netz eingespeiste Energie). Die Differenz entspricht dem Eigenverbrauch. Moderne Smart Meter und Energiemanager wie Solar Manager oder Smartfox machen die Werte in Echtzeit auf dem Handy sichtbar.

Kann der Eigenverbrauch über 100 % steigen? Nein. Bei 100 % nutzen Sie den gesamten Solarstrom direkt — es fliesst nichts ins Netz. Praktisch passiert das nur bei sehr kleinen Anlagen oder bei hohem konstanten Verbrauch (z.B. KMU mit Tagschicht und Klimaanlage).

Kann der Autarkiegrad 100 % erreichen? Theoretisch ja, praktisch in der Schweiz mit PV allein nicht. Sie bräuchten einen Saisonspeicher — Wasserstoff, Power-to-Gas — Hardware, die für Einfamilienhäuser nicht in sinnvoller Form existiert.

Welche Werte sind realistisch für ein typisches Schweizer EFH? Ohne Batterie: 25–35 % Eigenverbrauch, 30–45 % Autarkie. Mit 10 kWh Batterie: 55–70 % Eigenverbrauch, 50–65 % Autarkie. Mit Batterie plus E-Auto plus Wärmepumpe: 70–85 % / 65–80 %.

Beeinflusst die Ausrichtung des Daches die Werte? Ja. Ost-West-Anlagen erzeugen einen flacheren Tagesverlauf — weniger Mittagsspitze, mehr Ertrag am Morgen und Abend. Das hebt den Eigenverbrauch um typisch 5 bis 10 Prozentpunkte gegenüber einer reinen Südanlage gleicher Grösse, kostet aber 5 bis 10 Prozent Gesamtertrag.

Warum sieht meine Solaranlage einen anderen Eigenverbrauch als der Solarrechner? Drei Gründe: Erstens basieren Rechner auf typischen Verbrauchsprofilen, Ihre Familie verbraucht anders. Zweitens weicht das echte Wetter vom langjährigen Mittel ab. Drittens haben gemessene Werte einen Echtzeit-Auflösungsbereich von Sekunden, simulierte oft nur Stundenwerte — das macht 3 bis 5 Prozentpunkte Unterschied.

Selbst durchrechnen

Im Eigenwatt-Solarrechner sehen Sie nach Eingabe Ihrer Postleitzahl, Anlagengrösse und Jahresverbrauch sofort Eigenverbrauchsquote und Autarkiegrad — basierend auf realen Wetterdaten Ihres Standorts und Tarifdaten der ElCom. Spielen Sie mit verschiedenen Anlagengrössen und Batteriekonfigurationen, um den für Sie passenden Kompromiss zu finden.

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